Manchester United: 50 Jahre am Blue Stars/FIFA Youth Cup
Erinnerungen von Werner Staub
Nur zwei, drei Sekunden fehlten
zu unserem Glück!
In der ganzen Saison 1953/54 haben wir, die FC Blue Stars-A-Junioren, die Interregionalgruppe Zürich/Ostschweiz dominiert. Mit Ausnahme eines Unentschiedens gewannen wir alle Spiele und wurden mit 11 Punkten Vorsprung auf den FC Zürich Gruppensieger. Es war das erste Jahr, in dem diese Interregionalmeisterschaft gestartet wurde, an der nur die besten Juniorenmannschaften mitmachen durften. Spielberechtigt waren die Jahrgänge 1934/35/36. Ich war mit Jahrgang 36 der Jüngste in der Mannschaft, trotzdem kam ich in allen Meisterschaftsspielen voll zum Einsatz.
Am Turniertag, dem 27. Mai 1954, stiessen aus der ersten Mannschaft ältere Spieler zu uns, die für das Turnier aber noch spielberechtigt waren. So musste ich schweren Herzens die Ersatzbank drücken. Das Dabeisein als Jüngster war aber für mich trotzdem wichtig und das Mitfiebern nicht minder gross, besonders während des letzten von drei Gruppenspielen. Gegen Manchester United hätte uns ein Unentschieden für den Gruppensieg genügt, denn wir waren mit zwei Siegen ins Turnier gestartet und Manchester lag ein Punkt zurück. Es gab eine hart umkämpfte Partie, beide Teams hatten ihre Torchancen. Als wir uns schon mit einem 0:0 im Halbfinale glaubten, erzielte schliesslich Manchester United in letzter Sekunde ein Kopfballtor. Der Schlusspfiff ging in ihrem Freudentaumel regelrecht unter. Unser Traum war ausgeträumt und in der Kabine sind die Tränen in Strömen geflossen. Da halfen auch die Komplimente unserer Trainer René Charpié und Bruno Gasser über das hervorragende Spiel anfänglich nichts, um den Frust wegzustecken. Erst in späteren Jahren konnten wir uns eigentlich darüber «freuen», als uns bewusst wurde, gegen was für eine Mannschaft wir überhaupt verloren hatten.
Manchester United gewann das Halbfinale und besiegte im Endspiel Red Star Zürich mit 4:0, wobei Albert Scanlon und dreimal Duncan Edwards trafen. Edwards hatte sich für das Endspiel die Schuhe eines unserer Spieler ausgeliehen. Bei uns waren schon die leichten italienischen Fussballschuhe in Mode gekommen, während die Engländer noch in den halbhohen traditionellen Schuhen mit den eingenagelten Stollen spielten! Offensichtlich hat sich Duncan Edwards in diesen neuen Schuhen wohl gefühlt.
Die Junioren des FC Blue Stars 1954 mit Werner Staub (unten links), drei Wochen nach dem Turnier.
1964 schickte George Best diese Postkarte an seine Eltern. Übersetzung: «Liebe Mama und Papa, wir sind gerade daran zu Bett zu gehen. Morgen spielen wir das Turnier. Das Wetter hier ist herrlich, das Essen ist nicht allzu gut, die Mädchen fantastisch. Wir spielen unser erstes Spiel am Morgen um 9.30 Uhr. Es ist jetzt Mittwoch Abend 11 Uhr. Alles Liebe auch an Carol, Babs, Julie und Grace. Euer Euch liebender Sohn George»
Ryan Giggs
Teilnehmer 1991
«Die Reise nach Zürich ans Blue Stars Turnier war für die jungen Spieler bei Manchester United jeweils der Saisonhöhepunkt. Das Turnier hat einen ausgezeichneten Ruf und ist eines der besten Juniorenturniere in ganz Europa, wenn nicht der Welt. Es möge noch lange weiter bestehen.»
Matt Busby, der berühmte Manager von Manchester United, reiste damals persönlich mit dem Nachwuchs seines Clubs in dem nicht weniger als sieben Spieler standen, die nur kurze Zeit später in der ersten Mannschaft eingesetzt wurden und auch Aufgebote für die englische und irische Nationalmannschaft erhielten nach Zürich. In der Saison 1957/58 spielte Manchester im Europapokal der Meister. Am 5. Februar 1958 spielten sie in Belgrad gegen Roter Stern, wo sie sich nach einem 3:2 Heimsieg in Manchester mit einem 3:3 Unentschieden für das Halbfinale qualifizierten. Auf dem Rückflug nach Hause passierte dann leider das Unfassbare. Nach einem Zwischenhalt in München stürzte das Flugzeug beim Take-off im Schneetreiben ab und unter den vielen Toten waren leider auch vier Turnierteilnehmer von 1954, die englischen Nationalspieler David Pegg, Eddie Colman, Duncan Edwards und der irische Internationale Billy Whelan. Unter den Überlebenden waren unter anderen auch Matt Busby und die Spieler Bobby Charlton und Albert Scanlon, ebenfalls Turnierteilnehmer 1954. Ein schwarzer Tag für den englischen Fussball, für Manchester United und auch für mich. Alle die erwähnten Spieler habe ich nach 1954 mehrmals wieder an Turnieren, hier in Zürich und auch im Ausland angetroffen und so brachte mich die Nachricht über das Unglück zum Verzweifeln. Ich arbeitete damals in Neuenburg, hatte im Zimmer weder Radio noch Fernsehen und konnte mich nur nach und nach aus den Zeitungen über das ganze Ausmass der Katastrophe informieren.
Freunde waren wir bereits am Abend des Turniers 1954 geworden, das für Manchester so erfolgreich und für uns etwas weniger gut ausgegangen war. Manchester logierte im Hotel Stoller beim Albisriederplatz und so sind unser Spielführer und ich nach dem Nachtessen dort aufgekreuzt, um anschliessend mit dem fast vollzähligen Gastteam per Tram in die Stadt zu fahren. Durch den Sieg bekamen jene Spieler, die bereits Profiverträge hatten, etwas Taschengeld, und das wurde dann im Bahnhofbuffet gleich für Spiegeleier und Speck ausgegeben. Duncan Edwards bezahlte die ganze Zeche. Noch im letzten Lehrjahr stehend, bekam ich für den Tag nach dem Turnier vom Lehrmeister einen freien Tag. Weil das Wetter so schön war, ging ich zusammen mit den Engländern im Letzibad zum Schwimmen. Wir verbrachten gemütliche Stunden zusammen. So entstand eine Freundschaft, die bis jetzt bestehen geblieben ist. Mit Bobby Charlton und Wilf McGuinness (der Glück im Unglück hatte, da er, obwohl Stammspieler, die verhängnisvolle Reise nach Belgrad wegen einer Verletzung nicht mitmachen konnte) bestehen noch enge Kontakte. Es berührt mich immer wieder, bei McGuinness zu Hause im Album die schon etwas verblichenen Fotos in schwarzweiss mit all den Kameraden aus dem Jahr 1954 anzusehen. Beim Pedalofahren auf dem Zürichsee mit Veston und Krawatte oder eben im Letzibad in den Badehosen, noch jung und vor allem schlank!
Es war so gesehen eigentlich gut, dass Manchester United das Turnier 1954 gewonnen hat. Es war der Beginn einer Verbundenheit zwischen zwei Fussballklubs, so grundverschieden die beiden Strukturen auch sind. Dort der so berühmte Profiklub, hier der mittlerweile bescheidene Amateurverein. Zürich wurde zum Mekka für Manchester United. Viele Jahre pilgerten sie am Ende der Saison nach Zürich, manchmal sogar das ganze Direktorium im Schlepptau. Das Hotel Stoller wurde zum Stammhaus der Engländer. Sie gaben sich aber nicht nur mit einem Reisli nach einer anstrengenden Saison zufrieden, davon zeugen die insgesamt 16 Turniersiege der jungen roten Teufel in Zürich. Kaum ein Spieler von ihnen, von damals bis heute, der später zu Ruhm und Ehre kam, fehlte auf dem Letzigrund. Auch der heutige Manager, Sir Alex Ferguson, setzt sich immer wieder dafür ein, dass sein Nachwuchs Auslandluft am wichtigen Turnier in Zürich schnuppert. Das brachte uns in den Genuss, die heutigen Asse Beckham, Giggs, Butt, Scholes und die Gebrüder Neville schon als Junioren kennen zu lernen. Im Museum im Stadion von Manchester steht ein fast 10 Meter langer Glasschrank. Darin sind alle Pokale, Medaillen und sonstigen Souvenirs von den Reisen in die Schweiz ausgestellt. Nicht nur die vier grossen Wanderpokale, die sie nach einem dreimaligen Gewinn behalten durften sind dort zu sehen, sondern auch solche Becher und Teller, wo Ränge von weniger erfolgreichen Teilnahmen darauf stehen. Alles ist vorhanden und auf Hochglanz poliert. 50 Jahre Turniergeschichte an einer Stelle nicht in Zürich, sondern in Manchester!
Ich freue mich, dass am diesjährigen Turnier wieder die Blue Stars Junioren gegen Manchester United antreten können und ich bin überzeugt, dass sie sich, wie wir damals vor 50 Jahren, die gleiche Mühe geben und versuchen werden, den Engländern Paroli zu bieten. Für das Turnier wünsche ich mir, dass die beste Mannschaft, vielleicht auch die glücklichste, den Turniersieg erringen möge und die Mannschaften sich darauf besinnen, dass vor jedem Erfolg immer die Fairness und der Respekt für den Gegner steht.
Sir Bobby Charlton und Werner Staub beim Besuch des Turniers im 2000.
Pokalschrank im Old Trafford Stadion mit Trophäen des Blue Stars Turniers